90. Geburtstag von Eduard Diem

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Eduard Diem – Der Hirnbohrer

Wenn ein Künstler 90 Jahre alt wird, dann werden die Laudatoren feierlich. Sie nehmen die vorbereiteten Nachrufe zu seinem bedauerlichen Tod und schreiben um und feiern den noch lebenden würdigen Greis.
Den Johannes Brahms hat man als würdigen Greis lorbeerbekränzt, als er 50 Jahre alt geworden war.
Will man dem Eduard Diem gerecht werden, dann muss man von einem Künstler reden mit einem spannenden früheren Leben und Werk, und einem, das er jetzt gerade neu beginnt. Wann, wenn nicht jetzt, mit 90?

Es fällt mir nicht schwer, dazu etwas zu sagen, denn das muss ich so alle 7 Jahre machen.

Der Kerl altert nicht. Mit entdeckerischer Neugierde wie ein junger Hund, schnüffelt Diem neugierig in allen Ecken, überlegt was er Neues machen könnte und dann tut er es auch noch.
Man muss wissen, dass der Mensch meist nach der Pubertät seine exploralistische Neugierde und Kreativität verliert, ein Hund verliert sie bis an sein Lebensende nicht. Der Diem auch nicht.
Er kümmert sich nicht darum was neu ist in der Kunstmode, was erfolgreich ist im Kunstbankgeschäft, was den Kuratoren Feuer unterm Hintern macht, was die Society schätzt.
Er erfüllt, ohne ihn zu zitieren, eine Forderung Picassos, dass Kunst überraschen muss. Nicht mit Gags und Gimmicks, sondern mit immer überraschenden Realisierungen seiner Vorstellungen.

Nun könnte man sagen, einer der alle Zeitlang seinen Stil wechselt, etwas anders, ja gegensätzliches macht zu dem was vorher geschah, weiß nicht was er will.
Diem weiß, was er will: Er will malen, er will zeichnen, er will bildhauern, er will ‚machen‘. Dass er keine sofort in Sekundenbruchteilen erkennbare Masche liefert, das ist ihm völlig egal. Er malt nicht um von irgendjemandem erkannt zu werden, sondern um anerkannt zu werden. Von sich selbst und von den Freunden seiner Kunst.

Ich bin ein Zeitzeuge der kontinuierlichen Arbeit des Eduard Diem. Er war damals vor fast 60 Jahren ein junger Künstler mit Potential und ich ein alter erfahrener Kunstkenner. Ich merkte erst jetzt, dass Diem immer älter war als ich, aber immer noch jung ist, während ich altere und wieder seinem Alter voraus bin.

1960 zeigte ich im Clublokal der Gewerkschaft bei den ‚Jungen Sammlern’ Linol- und Holzschnitte von klarer Form, kräftigem Schnitt und einer eigenartigen Plastizität, die aus der ungebrochenen Linienführung des Messers in der Fläche des Druckstocks entstand.

Die sind ganz anders, als die neuen farbintensiven geometrischen Bilder jetzt, aber sie sind von der selben Qualität: klare Form und eine eigenartige Plastizität, die aus der ungebrochener Linienführung und Flächengestaltung kommt.
Das nenne ich Kontinuität. Nach 60 Jahren anders zu sein und man spürt, wie der Anfang war.

Waren seine Bilder in den Anfängen von einer dunklen Farbigkeit, irgendwie dickfarbig in der Anmutung, so wurden sie im letzten Jahrzehnt immer farbenfroher, beginnend mit den Collagen.

Jetzt leuchten die großformatigen neuen Arbeiten in klarem, intensiven Edelsteinglühen.
Die Formen sind einfach: Quadrat. Dreiecke …
Aber das Miteinander der Formen und ihren Farben, das ist kompliziert, verschränkt, bildet gesamt eine körperliche Form und eine aus Form und Farbe kommende Bewegung.

Er hatte diesen eigenständigen Kubismus schon früher praktiziert. Nur anders. 1964 zeigte Diem in der Galerie JUNGE GENERATION kleine Stillleben und auch Skulpturen in einem sanften Kubismus und mit aus Rundungen und Blöcken gestapelte Akte, Stiere oder Landschaften.

Eduard Diem überrascht mit Augentäuschung. Listig fügt er Flächen aneinander, aber man sieht dreidimensionale Objekte. Er stuft die Farben ab und ordnet die Flächen anders und es entsteht eine Bewegung.
Natürlich ist jedes Bild eine Augentäuschung. Das hat René Magritte am einfachsten erklärt. Er malte eine Pfeife und schrieb dazu, dass das keine Pfeife ist. Korrekt. Es ist das Bild einer Pfeife.

Was macht Diem? Er zeichnet einen Hund, aber es ist kein Hund, es sind Vögel. Er malt Vögel in einer Art von Spiegelanordnung und es ist ein Gesicht, oder ein Gesicht, das eigentlich Vögel sind. Man muss wie beim TV das Hirn von einem Bild auf das andere umschalten. Was in der fantastisch-realistischen Zeichnung das Auge nötigt dem Hirn zu signalisieren, es ist nicht das, was du siehst, schau zweifach, dann siehst du zwei Bilder in einem.
Das malt Diem in seinen neuesten Bildern auf raffinierteste und reduzierte Art. Er malt Flächen, man sieht Räume, Formen und Bewegung.

Diem ist ein fleißiger Maler. Bilder im Kopf oder im Kaffeehaus erzählt, sind seine Sache nicht. Er muss bildhauern und malen, zeichnen und formen und drucken und collagieren. Und das täglich und überall und das mit gelassener Überlegung und ruhiger Klugheit.

Für den Beschauer ist es Kopfarbeit. Diem zwingt den interessierten Seher, zwischen Fläche und Raum, dem Einen und dem Andern, nicht zu unterscheiden. Sondern es im Kopf, über das Auge an das Hirn zu senden. Dann bohren sich die Bilder des Eduard Diem ins Bewusstsein.

(© Prof. Gerhard Habarta, 2019)

Text: © Prof. Gerhard Habarta; Abbildungen: © Eduard Diem

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