Die Perle der Medusa

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Wer sich einen ersten Ein- oder auch Überblick über den Maler Lukáš Kándl verschaffen will, dem sei der jüngste Katalog zur Ausstellung 2012 im Phantastenmuseum Wien empfohlen. Er trägt den Titel „Der spirituelle Weg“. Die Bildersprache und die sprechenden Titel der abgebildeten Werke lassen ahnen, dass Kándl sich sowohl der semantischen Vieldeutigkeit der Begriffe als auch der Ambivalenz seiner Motive sehr wohl bewusst ist. Gleichwohl manches Bild sein Geheimnis nie preisgeben wird. Spirituell lässt sich eben nicht einfach mit geistig, geistlich oder geistreich übersetzen.

la vaniteDie Vanitas als Schlüsselmotiv
Inspiration findet Lukáš Kándl in den klassischen Themen der Malerei ebenso wie in den Quellen des Surrealismus, antiken Mythen und biblischen Geschichten. Und genau deshalb ist es zu wenig, wenn seine La vanite nur mit Eitelkeit übersetzt wird. Hier geht es nicht nur um eine der sieben Todsünden. Es ist Kandls Version des Vanitas-Motivs, der Vergänglichkeit als immerwährender Kreis, in dem ein lächelnder Tod die brennende Lebenskerze in der Hand hält, nie loslässt, sie aber auch nicht auszulöschen vermag. Die Vergänglichkeit alles Irdischen betrifft natürlich nicht nur den Menschen. Aber nur er vermag sie zu erkennen. So findet die Vanitas hier zum Memento mori. Leben und Tod gehören zu ein- und demselben Kreislauf wie Schönheit und Verfall. Wir Menschen mögen das beachten. Dieses Thema findet sich bei Kándl in vielen Varianten, manchmal zentral, manchmal scheinbar beiläufig.

Suzanne et les vieillards

Tiere, Perlen und Antike
Aus uralten biblischen Szenen gewinnt der Künstler völlig neue Bildinhalte, wie in Susanna und die Alten. Die beiden lüsternen Verleumder aus dem Alten Testament verwandelt der Maler in eine ganze Gruppe von glatzköpfigen Physiognomien, die mit goldenem Besteck im Mund zumeist nach der einst badenden Schönheit gieren.

Seine liebsten Motive sind und bleiben aber die Tiere, reale Wesen oder der reichen Phantasie des Künstlers entsprungene Kreaturen. Oft sind sie in Interaktion, die Kándl als Meister der metapher­reichen Tiermalerei wie in einer Traumsequenz zeigt. Durch den meist schwarzen oder mit Rottönen angereicherten Hintergrund verstärkt sich dieser Eindruck. Und Kándl gibt zu, dass diese Träume nicht immer zu entschlüsseln ist.
Inaccessible reveIn Unerreichbarer Traum klettert eine Wildkatze das Horn eines Einhorns empor, eine Perle auf dessen Spitze im Blick. Wirklich unerklärbar? Wirklich verwirrend. Perlen sind seit altersher in vielen Kulturen symbolbeladen. Das mag auch ihrer geheimnisvollen Entstehung in der Muschel geschuldet sein, die sie zum Symbol für die Jungfräulichkeit und Schönheit werden ließ. Irgendwo behauptet eine Legende, Perlen seien die Reuetränen der biblischen Eva. In der Alchemie und Naturmedizin werden ihnen magische Kräfte zugesprochen. Für Kándl selbst reflektieren Perlen die menschliche Seele, vielleicht sogar die Seele ihres Trägers auf spiritueller Ebene. Sie sind selbst Lebewesen, die den gesamten Makrokosmos in sich spiegeln können. Hier zeigen sich esoterisch-mystische Aspekte des Künstlers.

Perle en jeuManche Bildgestaltung erinnert an die Äsopsche Fabelwelt, wie in Die Perle steht auf dem Spiel, wo sich ein kleines Vögelchen mit schlagenden Flügeln schützend vor das Objekt der Begierde einer sich anschleichenden riesigen Raubkatze stellt. In Kandls Katalog seiner Wiener Ausstellung gibt es kaum ein Bild ohne Perle, solitär oder eingefasst in einen diamantbesetzten Rahmen. Und wenn es keine Perlen sind, schwirren blütengefüllte Seifenblasen oder dünnwandige Glaskugeln umher, die dargestellte Szenerie als fragilen Augenblick symbolisierend. Träume und Illusionen können zerplatzen, alles ist eben vergänglich. Da ist er wieder, der Vanitas-Gedanke.

flamant_gordienManches will der Maler aber auch nicht so tierisch ernst genommen wissen: Sein Gordischer Flamingo, dreiköpfig und -beinig, steht auf menschlichen Füßen. Verknotet, aber lebensfähig. In Kándls Kleine paradiesische Revolte nehmen sich zwei Pferde die Schlange vor. Der goldene (Perlmutt-)Apfel, die Frucht der Erkenntnis, bleibt offenbar unversehrt. Da stellt sich dem Betrachter schon die Frage: Was wäre geschehen, wenn…?“ Ja, wenn sich die Pferde wirklich der Schlange bemächtigt hätten? Wäre die Verführung der Eva und der Rauswurf des ersten Menschenpaares aus dem Paradies ausgefallen? Würden wir alle noch im Garten Eden leben? Ohne von unserer Nacktheit zu wissen? Oder gar nicht auf die Welt gekommen sein? Schöne Zustände!

Naissance de la meduseAuch antiken Mythen gewinnt Lukáš Kándl überraschende oder zumindest bisher wenig bekannte Versionen ab. Die Geburt der Medusa zeigt die Gorgone als ideale Frauengestalt, ihren nackten Oberkörper schlangenumkränzt. Das Diadem im Haar entpuppt sich ebenfalls als Schlangenkörper. In Anspielung auf ihre Herkunft endet Medusas Taille auf dem Krallenfuß eines Ungeheuers, der auf einer großen kreisrunden Perle steht, die an Fortunas Schicksalkugel erinnert. Aber deren Glanz hat bereits Risse bekommen. Wie Pygmalions Statue wartet nun Medusa darauf, zum Leben erweckt zu werden. Und wie diese hat auch sie eine Perle am Ohr. Das freie Zitat des berühmten Vermeer-Gemäldes ist hier ein Zeichen für die ursprüngliche Reinheit und Unschuld der Medusa. Schenkt man mittelalterlichen Traumbüchern Glauben, bedeuten geschenkte Perlen Sorgen und Leid in der Zukunft.Noch hat Medusa die schicksalshafte Begegnung mit Apoll vor sich…
chaussures_aphrodisiaques_21cmFehlt eigentlich nur noch ein weiteres Schlüsselsujet: Spätestens, wenn der Betrachter die offene Erotik der Aphrodisiakischen Schuhe erkannt hat, wird er immer wieder danach suchen. Und bei Lukáš Kándl fündig werden. Auch das macht den Reiz dieser surrealistischen, sich am Symbolismus orientierenden Kunst aus, die weder den Geist der alten Meister leugnet noch auf eine eigene esoterische Note verzichtet.

(Lukáš Kándl: Le chemin spirituel – Der spirituelle Weg. Bilder. Hrg. Phantastenmuseum Wien 2012, 42 Seiten).

Text: © Dr. Klaus Freyer, Fotos: © Lukáš Kándl

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