Ein Maler bleibt sich treu

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Zum 75. Geburtstag von Hans-Peter Müller im Mai 2017

„Dich heirate ich mal“, soll bereits beim ersten Date der bärtige Typ zu dem bulgarischen Mädchen mit den schwarzen Locken gesagt haben. Das hatte gerade angefangen, an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchdruck (HGB) zu studieren. Der forsche Kerl im höheren Semester hat sein Versprechen gehalten, die Ehe mit der Künstler­kollegin hat es auch. Die Ateliergemeinschaft ebenso. Seit 45 Jahren. Heute wird Hans-Peter Müller 75 – und in seinem Weidaer Domizil wieder auf die Leiter steigen, um an seinen Tafelbildern zu arbeiten. Wie fast jeden Tag. Maitre, Meister nennen ihn die einen mittlerweile respektvoll, seines künstlerischen Werkes, aber auch seiner Liebe zu Frankreich wegen, wo er regelmäßig ausstellt und internationale Anerkennung erfährt. „Der Alte“ ist er für Alexandra Müller-Jontschewa, die Malerin an seiner Seite und immer noch Schwarzgelockte.

Seit 1970 freischaffend, absolviert Hans-Peter Müller von ’73 bis ’76 ein Meisterschüler-Studium bei Bernhard Heisig an der Akademie der Künste in Berlin. Hier entsteht u.a. sein Faust-Triptychon, das sich noch heute im Bestand der Weimarer Klassik-Stiftung befindet. Klassische Literatur wird ihn zeitlebens inspirieren. Er selbst sieht sich als bekennenden Surrealisten, dies mehr dem Geiste als der künstlerisch-formalen Konsequenz nach. Natürlich ist er akademisch geprägt durch die Gründer-Generation der sogenannten Leipziger Schule, mindestens aber ebenso durch ein vorausgehendes Studium von Kunst und Geschichte; auf Lehramt, würde man heute sagen. Im 8. Semester verließ Müller die Universität zugunsten der HGB. Die schon lange gespürte innere Berufung, selbst künstlerisch tätig zu werden, hatte endgültig gesiegt. Aber sein profundes Wissen um Geschichte und Gesellschaft, frühe Hochkulturen und deren geistiges Erbe sind ebenso unmittelbare Voraussetzungen und zugleich die prägendsten Determinanten seines künstlerischen Werkes, das bisher weit über 250 Gemälde, Grafiken und Metall-Skulpturen umfasst. Seine Motivation? „Mich treibt die Sucht nach Geschichte um – und Erkenntnis“, lässt er sich entlocken. So hat das Auge Odins, das der nordische Göttervater verpfändete, um aus der Quelle der Weisheit trinken und in die Zukunft schauen zu können, eine gewisse Symbolik für Müller selbst.

Mythen und Mystik, Religionen und Philosophien verschiedener Zivilisationen und Zeiten begegnen und vermischen sich. Dieser Synkretismus findet sich in den Werken des Künstlers wieder: Legenden, Elemente fremder Weltbilder gehen eine neue Symbiose ein. In altmeisterlicher Lasurtechnik wird so manches auf die Leinwand gebracht, das nicht unbedingt im Alltagsdenken verankert ist: keltische und germanische Sagen, altjüdische und urchristliche Legenden, gnostische Überlieferungen und apokryphe Texte.
Aber darauf lässt sich sein Lebenswerk nicht reduzieren. Vor wenigen Jahren erlebte z.B. seine „Landschaft bei Ronneburg“ in den Ausstellungen zum „Bildatlas: Kunst in der DDR“ eine wahre Reminiszenz, obgleich es jahrelang im Wismut-Archiv verschwunden war. 1985 gemalt, zeigt es einen energetisch aufgeladenen Felsenturm, der die grüne Erdkruste durchstößt, und erscheint heute wie eine prophetische Ahnung vor der kurz danach folgenden Tschernobyl-Katastrophe.
Ab den 1990er Jahren steigt Hans-Peter Müller wieder tiefer in den Brunnen der Geschichte. Alttestamentarische Rückgriffe, auch apokalyptische Szenen häufen sich, als ob er auf dramatische Gefährdungen der Menschheit, die seit Jahrtausenden bestehen, aufmerksam machen will. Dass es hier auch um den eigenen Gefühlskanon geht, leugnet er nicht. Im Gegenteil: Im „Buch ohne Wörter“ ist er selbst der Warnende. Er ist überzeugt davon, bereits in den frühen Erinnerungen der Menschheit Archetypen zu finden, die das Handeln der Menschen heute noch bestimmen. Selten findet man eine derartige Übereinstimmung von Bilderwelt und Weltbild eines Künstlers.

Vom sogenannten Zeitgeist hält Müller nicht viel, von den alten Meistern und der Renais­sance-Malerei um so mehr. Zeitgeist ist für ihn fast ein Unwort, das nach Opportunismus klingt. Und opportun wollte er nie sein, schon gar nicht als Künstler. Mainstream ist ihm immer noch ein wahrer Graus. Vielleicht lässt er deshalb die mythischen Protago­nis­ten in seinem Bilderkosmos bewusst dort, wo sie hingehören, nämlich in ihrer Zeit, und sti­lisiert sie nicht zu modernen Menschen. „Das, was ihr den Geist der Zeiten heißt, das ist im Grunde der Herren eigner Geist“, zitiert Hans Peter Müller Goethes „Faust“, schmunzelt und steigt wieder auf seine Leiter vor der Staffelei. Er löckt eben immer noch gern gegen den Stachel.

Text und Abbildungen: © Dr. Klaus Freyer, Gera 2017

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