Im Gespräch mit Andreas Nikolaus Franz

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Andreas Nikolaus Franz wurde in Stuttgart geboren und lebt und arbeitet in Künzelsau (DE). Sein Schaffen umfasst Malerei, Grafik und Keramik und fällt durch ebenso detailreiche wie komplexe Darstellungen auf. Wir stehen seit einiger Zeit per Email in Kontakt und ich freue mich, ihn nun zu seinen wundervollen Arbeiten interviewen zu dürfen.

Herr Franz, vielen lieben Dank, dass Sie sich Zeit für dieses Interview nehmen. Sie sind ja ein sehr vielseitiger Künstler – welche Technik liegt Ihnen besonders am Herzen, bzw. gibt es abwechselnde Phasen, in denen Sie jeweils eine bestimmte Technik bevorzugen?

Seit Anfang der 70er Jahre male ich Ölbilder, habe während des Studiums die Technik verbessert und auch Eitempera als Untermalung ausprobiert. Später, Mitte der 80er Jahre, habe ich mit Acrylfarbe angefangen, so konnte ich etwas schneller großformatige Bilder ohne lange Trockenzeit bewältigen. Parallel habe ich mich mit Maltechniken befasst (Max Doerner), unterschiedliche Öle, Harze etc. probiert und male seit den 90ern auch in Mischtechnik Öl/Eitempera abwechselnd, was mich sehr fasziniert, auch weil die Eitempera für Linien und die Ölfarbe für Lasuren sich optimal ergänzen. Die Acrylfarbe habe ich inzwischen auf ein Minimum reduziert (Mikroplastik). Die traditionellen Techniken sind langsamer, aber allein die Vorgehensweise hat etwas Magisches. Die Technik soll natürlich nur den Zweck erfüllen, eine Idee zu verwirklichen. 

Zeichnungen dienen mir als Skizze, sowie zum Bewusstwerden der Figur im Raum (Aktzeichnen), wenn Geist, Auge und Hand im Einklang sind und eine räumliche Illusion auf Papier erzeugen. Wenn es gelingt, entsteht etwas, das über einen hinauswächst. 
Es sind Zyklen in meinem Werk, die aber immer auf einer anderen Ebene wiederkehren, wie ein Wachstum in Spiralform.

Grafik ist heute als Vervielfältigungstechnik überholt, interessiert mich aber immer noch, sie hat auch diese Magie des Materials (Kupfer) und der Technik und hat dadurch einen ganz eigenen Ausdruck.

Keramik ist mir seit langem vertraut und im Moment entdecke ich für mich neue Möglichkeiten, auch von der Natur inspiriert, die dreidimensionale Erfahrung ist eine gute Ergänzung zu meiner Malerei. 

Aber in erster Linie ist mir die Malerei wichtig, für die ich meine ganze Lebensenergie aufwende, um sie in Kunst umzuwandeln.

Dieses Ziel haben Sie meiner Meinung nach auf jeden Fall erreicht! In Ihren Gemälden tauchen häufig architektonische Elemente auf, aber auch der menschliche Körper spielt eine große Rolle. Was ist Ihre Intention in der Malerei, bzw. welche Thematiken verarbeiten Sie in ihren Bildern?

Ein Grundgedanke meines Werkes ist der Rhythmus des Lebens, das Staunen über das Mysterium der Schöpfung, die Wechselwirkung von Gegensätzen, so wie sich alles auf alles bezieht. Der Betrachter soll durch die Vielschichtigkeit der Malerei verzaubert werden. Es wird nichts beschrieben, sondern durch ruhiges Beobachten erschließt sich Tieferes, das unaussprechlich bleibt, für jeden anders.

Im Bild verbindet sich das Gegenständliche mit dem Ornamentalen, der dynamischen Bewegung des Werdens und Vergehens, während die Konstruktion bzw. Komposition für das Abstrakte, Geistige steht. Alles sind keine getrennten Bereiche, der Körper ist z B. streng nach Proportionen gebaut, aber gleichzeitig in meinen Augen eigentlich fließend, geschwungen wie ein Ornament, selbst Mensch, habe ich differenzierteste Ausdrucksmöglichkeiten durch das Figürliche.

Da wir gleichzeitig auf verschiedenen Ebenen leben (Innen und Außen), möchte ich diese Faszination für das Unerklärliche bewusster werden lassen, indem ich eine Welt erscheinen lasse wie ein Theater, mit Wesen und Gebäuden, Tieren, Pflanzen, Ornamenten und Erfindungen, “aus dem Vollen Schöpfen“ ( so beschrieb es einmal Werner Baumann, ehemal. Vorsitzender des Kunstvereins Heilbronn).

Mir widerstrebt oberflächliche Unterhaltungskunst, die nur einen Teilaspekt sichtbar machen will und keine Verunsicherung zulässt. Diese Offenheit für Wunder bietet nur die Phantastische Kunst, die eigentlich ein zeitloses, tiefgründiges Phänomen ist. Der individuelle Künstler bringt eine neue Sicht auf die Welt, die unser Bewusstsein prägt.

Ich bin dankbar für die Energie, gegen den Strom schwimmen zu können. Erfahrung und Intuition sind auch an der Entstehung jedes langsam Wirklichkeit werdenden Bildes beteiligt, das doch auch die Botschaft vieler anderer, nicht gemalter Bilder, enthält, die nur als Idee existieren. 

Mein Wunsch ist es, durch ein Gemälde eine Flut von inneren Bildern auszulösen. Meine Werke entstehen aus einem Gefühl und nach Zeichnungen, es sind keine Abbildungen, sondern das Konzentrat dessen, was ich versucht habe zu verstehen, Erlebtes und Ahnungen, sowie alles was mich berührt. Ein fertiges Bild, das seine Wirkung entfaltet, kann eine Kraft entwickeln, die die sich ständig wandelnde Wirklichkeit übertrifft, auch wenn dies nicht messbar ist. Bildsprache beruht ja auf Farbe und Form, auch das scheinbar Reale. Wichtig ist die Intensität, weniger irgendwelche Begriffe die eventuell vom Sehen ablenken.  

Malerei lehrt uns sehen, auch in die Tiefe der Seele.

Den letzten Satz kann ich nur unterstreichen – wunderschön ausgedrückt! Wie sind Sie eigentlich bei der phantastischen Kunst gelandet – und gibt es Künstler, die Sie besonders schätzen oder die Ihren eigenen Weg als Künstler geprägt haben?

Wie jedes Kind zeichnete ich, allerdings viel und wusste doch schon sehr früh, dass ich Maler werden will. Als Kind fand ich natürlich vieles fantastisch, außer Schule. Besonders gut erinnere ich mich, wie ich Linien zeichnete die sich überlagern und zur Mitte immer kleiner wurden und diese Entdeckung, dass es durch das Papier in die Unendlichkeit quasi in eine andere Welt geht, lässt mich bis heute nicht los. Ich hatte viele Fragen mit denen ich Erwachsene nervte und die ich mir durch die tiefer gehende Erfahrung mit Kunst im Lauf der Zeit selbst klarer beantwortete. Die moderne Kunst war mir vertraut, weil mein Vater viele Drucke und Plakate in unserer kleinen Wohnung aufhängte. Später war alles voll, teilweise übereinander, auch Zeitungsausschnitte – alles was es Neues an Kunst gab.
1971 nahm mich ein älterer Freund mit in die Dali-Ausstellung nach Baden-Baden. Als ich nur das Plakat außen sah, war ich so begeistert und in der Ausstellung war dieses große Bild, der „Thunfischfang“, so etwas kannte ich bis dahin nicht. Klar war mir jetzt: Es gibt Bilder, die einen verzaubern können. Als ich später dann das Buch von Ernst Fuchs „architectura caelestis“ las und noch ein Buch über die Wiener Schule, fand ich meinen Hang zum Mystischen bestätigt. Also machte ich immer extremere Zeichnungen und Bilder, ohne Zweifel an dieser Kunstrichtung je aufkommen zu lassen. Ich lernte, wer noch alles in diese Welt gehört: Max Ernst, Hieronymus Bosch, Delvaux, de Chirico … am Anfang meines Studiums war die Wiener Schule in Mode, aber dann wurde mir immer wieder erklärt, warum das kein Weg ist. Nach Mitte der 70er Jahre, als die neuen Wilden kamen, war von den Feinheiten der Malerei wenig geduldet, ich bin aber konsequent trotz aller Widerstände immer bei meiner Phantastischen Richtung geblieben. Sehe es heute wie gesagt so: Moden (die auch für kurz ihre Berechtigung haben, aber oft in Sackgassen enden) kommen und gehen – Phantastisches bleibt intensiv und geheimnisvoll.

Abschließend möchte ich Sie bitten, unseren Lesern zu verraten, wie ihre Pläne für die nächste Zeit aussehen, und wie oder wo man Ihre Arbeiten in natura sehen kann.

Kunst ist ja nicht gleich Markt, und um einen Freiraum für individuelle und kompromisslose Unabhängigkeit zu schaffen, haben wir uns schon länger gedacht, unser altes Haus, das von einer Künstlerfamilie 1773 erbaut wurde und ein Kulturdenkmal ist, gleich als Museum und Galerie für meine Werke zu nutzen. So sind es inzwischen schon mehrere Räume, in denen wir abwechselnd und ständig Kunst zeigen. 
Keramik habe ich schon in einem alten Gewölbekeller aus dem 16. Jahrhundert, der sich in der Nähe befindet, gezeigt und werde das gelegentlich wieder machen.
Durch Corona ist alles etwas anders geworden, am einfachsten ist es, mit uns einen Termin zu vereinbaren, um diese kleine Welt zu besuchen.

Jetzt plane ich “Bildbetrachtungen“, bei der ich einzelne Werke meiner Serie großformatiger Bilder, an der ich schon länger arbeite, einer kleinen interessierten Gruppe zeige, und nach schweigender intensiver Betrachtung über dieses  Erlebnis, wenn es gewünscht wird, anschließend gesprochen werden kann.

Weitere Ausstellungsbeteiligungen sind teilweise auf meiner Homepage zu finden.

Durch Ihr Engagement wird die Phantastische Kunst hervorragend gefördert. Dankeschön für diese fantastische Gelegenheit, etwas über meine Kunst mitzuteilen.

Lieber Herr Franz, ich bedanke mich sehr herzlich für dieses ausführliche und interessante Gespräch und wünsche Ihnen weiterhin alles Gute für Ihre künstlerische Laufbahn!

Abbildungen: © Andreas Nikolaus Franz

Ein Gedanke zu „Im Gespräch mit Andreas Nikolaus Franz

  • 14.08.2022 um 22:22
    Permalink

    Ich kenne keinen Künstler, der so viel Energie und Zeit für seine Werke aufbringt wie Andreas Nicolaus Franz.
    Deine großartigen Formulierungen zu den Bildinhalten, bringen mich erneut zum Nachdenken was Kunst alles in einem auslösen und bewirken kann.
    Wirklich phantastisch diese sehr bewegenden und unendlichen Kompositionen.

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