Im Gespräch mit Otfried Culmann (DE)

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Otfried Culmann (D) ist für die meisten Kenner der Phantastischen Kunst kein Unbekannter. Er hat sich längst als Künstler, Kurator und Vorstandsmitglied der „LABYRINTHE – Gesellschaft für phantastische und visionäre Künste e.V.“ einen Namen gemacht. Auch sein von ihm gestalteter „Culmanns Traumgarten“ zieht jährlich zahlreiche Besucher an. Dieses Interview wurde nicht von mir, sondern von LABYRINTHE geführt und freundlicher Weise von Otfried Culmann zur Verfügung gestellt.

Frage: Seit wann gibt es die Phantastische Kunst?

Culmann: Genau kann man das nicht sagen, doch wurde in einer Höhle  im Lonethal eine ca. 40 000 Jahre alte Kleinplastik von einem Löwenmenschen  aus Mammut-Elfenbein gefunden, die ein Mischwesen aus Löwe und Mensch darstellt, was aus unserer heutigen Sicht etwas Phantastisches ist, also etwas, das aus der Phantasie des Menschen kommt. Dieser Löwenmensch gehört zu den ältesten Kunstwerken, die man gefunden hat. Später kommen solche phantastische Darstellungen auch in vielen Religionen vor mit Engeln, Teufeln und Göttern, wobei es sich meist um Illustrationen handelt. Die Menschen hielten diese Erscheinungen aber für real.  Damit eine mythologische Erscheinungen phantastisch wird,  muss sie durch eine subjektive Visionen verändert werden, wie z.B. bei William Blake oder später bei Ernst Fuchs, deren Bildinhalte sich teils an der Bibel orientierten. Dann gibt es weitere phantastische Künstler mit In-Bildern, einer faszinierenden Innenwelt; Künstler, die  Visionen, Tag- und Nachträumen haben, die grauenhaft sein können, wie z.B. bei H.R. Giger mit seiner utopischen Horrorwelt, oder poetisch-verklärt-traumhaft, wie z.B. Wolfgang Ohlhäusers verzauberte orientalische Landschaften.

F: Wie bist du zur Kunst gekommen? 

C: Ich habe schon sehr früh viel gezeichnet und da lag es nahe, dass ich beruflich etwas machen wollte, was mit Zeichnen zu tun hat. Deshalb besuchte ich ab 1964, da war ich 15 Jahre alt, die Grafische Abteilung in der Meisterschule in Kaiserslautern, wo ich um die Ecke in der Pfalzgalerie das erste Mal mit der unterschiedlichsten Kunst konfrontiert wurde. Gleich nebenan in der Pfalzbibliothek lieh ich mir geradezu Massen von Kunstbücher aus. Außerdem besuchte ich in anderen Städten, wie Karlsruhe und München, Kunstausstellungen, u.a.  vom Deutschen Künstlerbund, wo man bei den damals ausgestellten Kunstwerken den Einfluss der Beat-Musik und Pop-art sah, aber es waren auch viele abstrakte und konstruktivistische Kunstwerke dabei. Ich habe das alles vollkommen unvoreingenommen angeschaut und auch selbst in allen möglichen Techniken herumexperimentiert. Damals glaubte man noch, dass die ganze Kunst linear in eine abstrakte Richtung laufen müsste und dass die Zukunft der Kunst in der Verarbeitung von neuen Materialien läge.

F: Wie kamst du dann zur Phantastischen Kunst?

C: Nicht nur, dass in der Pfalzgalerie die verschiedensten Kunsttendenzen und insbesondere auch phantastische und surrealistische Kunst gezeigt wurde, sondern auch mein damaliger Lehrer Prof. Helmut Göring, der selbst phantastische Bilder zeichnete und Schüler des Surrealisten Karl Kunz in Saarbrücken gewesen war, machte uns auf die Surrealisten aufmerksam. Dann gab es 1967 in Baden-Baden (danach in Nürnberg) die Ausstellung „LABYRINTHE – Phantastische Kunst bis zur Gegenwart“, eine der grandiosesten Ausstellungen, die ich je gesehen habe! Da waren Bilder von Piranesi bis Dali, von Monsu Desiderio bis Magritte, von Hundertwasser bis zum Migof-Labyrinth von Bernhard Schultze, von Clerici bis Rudolf Hausner. Das ganze Spektrum der Phantastischen Kunst war vertreten , und da war mir klar: „Da gehöre ich hin!“ Und nicht zu der  phantasielosen abstrakten Kunst.  Dort sah man keine mit der Farbbürste gemalten informellen Bilder, sondern die Bilder waren, wie von Hausner und Fuchs, mit einem ganz spitzen Pinsel äußerst subtil und manchmal über Jahre gemalt und das hat uns, wie auch viele andere Ausstellungsbesucher, begeistert. Aber auch Hundertwasser beeindruckte uns sehr, der einige von uns Studenten  sogar im kalten März dazu brachte, nach Paris zu einer seiner Ausstellungen zu trampen. Ich und ein Freund fuhren dagegen im folgenden Sommer nach Paris, wo wir in Galerien Ölbilder von Max Ernst und Felix Labisse entdeckten. André Breton, den Leiter der Surrealisten, trafen wir leider nicht mehr im Café der Surrealisten an, da er bereits ein Jahr zuvor verstorben war. Immerhin lernte ich im Jahr 2000 in der Rue Fontaine 42, in seinem wundervollen Studio, noch seine Tochter Aube kennen.

F: Du hattest auch mit dem Surrealisten Edgar Jené zusammengearbeitet!

C: Jené lebte damals in Burgund, hatte Verbindungen zu Kaiserslautern und druckte in der Meisterschule eine Serie von Radierungen, wobei ich ihm half.  Bei dieser Gelegenheit hatte ich die Möglichkeit, mich mit ihm über den Surrealismus und die Wiener Phantasten zu unterhalten. Jené hatte 1952 die erste Ausstellung mit Surrealismus in Deutschland im Saarland-Museum organisiert, mit Bildern aus der Privatsammlung von André Breton, mit dem er befreundet war. Einige Zeit lang lebte Jené in Paris und in Wien. 1945 brachte er die surrealistischen Manifeste und Publikationen nach Wien, wo sie großen Einfluss auf die „Wiener Schule des Phantastischen Realismus“ hatten.  Er selbst veröffentlichte 1953 eine Anthologie in der „Surrealistischen Publikation“. Ölbilder von ihm zeigte ich Jahre später bei Ausstellungen im HERRENHOF- Neustadt-Mußbach.

F: Du bist dann nach München an die Akademie zu Prof. Mac Zimmermann gegangen.

C: Ich habe ja wie besessen phantastische Bilder gezeichnet, doch hatte ich niemand, der mir die Ölmalerei beibrachte.  So fuhr ich 1968 nach Wien und hoffte, dort einen der Wiener Phantasten persönlich zu treffen, die sich aber alle zu der Zeit im Ausland aufhielten. Im Künstlerhaus konnte ich aber eine große Ausstellung unter dem Titel „Die Entwicklung der Wiener Schule“ ansehen. Auf der Rückreise erfuhr ich in München in der Galerie Dr.R.P. Hartmann, dass Mac Zimmermann eine Professur an der Akademie hatte. Ich bewarb mich  dort umgehend um einen Studienplatz, den ich im folgenden Wintersemester auch erhielt. Die Klasse von Mac Zimmermann war damals die einzige Klasse in Deutschland, die einen Schwerpunkt für Phantastische Kunst hatte und in der subtil, in teils altmeisterlichen Techniken gemalt wurde.

F: Welche Bücher haben dich damals beeindruckt? 

C: Um 1965 erhielt ich das Taschenbuch „Die Welt als Labyrinth„- Manier und Manie in der europäischen Kunst“ von Prof. Dr. Gustav René Hocke, der darin beschreibt und mit vielen Abbildungen nachzuweisen versucht,  dass es die phantastische bzw. manieristische Kunst  in zeitlichen Intervallen und Umbrüchen immer gegeben hat. Das Buch ist äußerst brillant und spannend geschrieben und hatte viele Auflagen, auch im Ausland, und viele Künstler waren von dem Buch sehr beeindruckt. Von dem Buch wurde später eine prächtige Luxusausgabe  gedruckt und es ist heute  im Internet als E-Book zu bekommen (https://gustav-rene-hocke.de). 1970 stellte ich in München, in der Stuck-Villa,  bei der Ausstellung „Neo-Manierismus in Europa“ unter dem Patronat von G.R.Hocke  mit aus und Hocke besuchte ich mehrmals in Genzano di Roma,  auch schrieb er den Text für eine Monographie über mein Werk. Mit seinem Sohn Roman betreiben wir heute unter LABYRINTHE ein Netzwerk zwischen phantastischen Künstlern und organisieren dabei auch Ausstellungen. http://labyrinthe.com

F: Gab es noch andere Ausstellungen, die dich beeindruckt hatten?

C: 1967  gab es von der Albrecht-Dürer-Gesellschaft im Schloß Stein von Faber- Castell  bei Nürnberg  die Ausstellung „ars phantastica“, die u.a. zusammen mit der Galerie Dr. Hartmann in München organisiert worden war. Ich fuhr mit Freunden extra hin, um mir diese Ausstellung anzuschauen, die deutsche Phantastische Kunst nach 1945  zeigte, von Edgar Ende bis Horst Janssen, von Paul Wunderlich bis Mac Zimmermann. Die  Ausstellung ging  1968 im Kunstverein Hannover weiter. 

F: Anscheinend wurde man jetzt auf den Surrealismus und die Phantastische Kunst bei uns aufmerksam?

C: Ich glaube, dass der Anstoß durch Prof. Wieland Schmied erfolgte, der von 1963 bis 1973 die Kestner-Gesellschaft in Hannover leitete und dort zum ersten Mal in Deutschland Ausstellungen von de Chirico, Magritte, Matta, Bellmer, Oelze und weiteren Surrealisten veranstaltete, wie auch 1965 eine große Ausstellung der „Wiener Schule des phantastischen Realismus“. Dadurch erkannte das Publikum, dass die zeitgenössische Kunst nicht nur aus der abstrakten Kunst besteht, sondern dass auch eine grandiose Kunstrichtung existiert, welche die Phantasie des Betrachters anregt.  Ich habe Prof. Wieland Schmied bei meiner Ausstellung und einem Max-Ernst-Symposion in Iserlohn getroffen und mich lange mit ihm darüber unterhalten.  1968  fand bei den Ruhrfestspielen in Rockenhausen  die Ausstellung „Reiche des Phantastischen“ statt und im  Frankfurter Kunstverein die Ausstellung „Aus dem Traumbuch der Maler – Phantasie und Visionen“.  1969 folgte im Kunstverein Hamburg die Ausstellung „Malerei des Surrealismus – von den Anfängen bis heute“ und im gleichen Jahr in Köln die Ausstellung „Surrealismus in Europa“, die von José Pierre organisiert wurde, wie auch 1971 die Ausstellung „Der Geist des Surrealismus“ in Köln. 1972 gab es dann die von Patrick Waldberg organisierte große Surrealismus-Ausstellung im HAUS DER KUNST in München und 1978 im Museum Bochum die umfangreiche Ausstellung „IMAGINATION“. Die Schirn-Kunsthalle in Frankfurt zeigte  1989  „Die Surrealisten“ aus der Sammlung Arturo Schwarz, 2011 „Surreale Dinge“ und 2020 „Fantastische Frauen „.  2002  gab es „La Revolution surrealiste“ in Paris und Düsseldorf und 2009/2010 „Gegen jede Vernunft – Surrealismus Paris-Prag“ im Hack-Museum in Ludwigshafen. Es gab eine ganze Reihen von Dali-Ausstellungen zu spezifischen Themen und 2016 in Hamburg  „Surreale Begegnungen“. Zur Zeit läuft in Potsdam die Ausstellung „Surrealismus und Magie“. In Berlin wird gar für eine gestiftete Privatsammlung des klassische Surrealismus ein Museum  gebaut.  Man muss feststellen, dass zwischen 1960 und 1980  geradezu viele Kunstvereine auf die Phantastische Kunst abfuhren, was damit zusammenhing, dass viele Leute die abstrakte Kunst nicht mehr sehen wollten. Ich könnte noch weitere  Ausstellungen aus dieser Zeit  nennen, da ich eine umfangreiche Bibliothek zu dieser Kunstrichtung besitze. Es ist wichtig, dass man heute darauf hinweist, da viele heutige Kunsthistoriker anscheinend davon nichts wissen.

F: Das ist eine recht beeindruckende Zahl an Surrealismus-Ausstellungen!

C: Ja, aber das sind  in der Regel nur die Klassiker des Surrealismus, so als ob das eine historisch abgeschlossene Periode gewesen sei. Breton hätte dem natürlich widersprochen, denn es ist zwar historisch in Verbindung zu seinem Tod im Jahr 1966  richtig, aber surrealistische und phantastische Kunst gab es schon vorher und die Surrealisten haben bei ihren Ausstellungen stets Bilder von Arcimboldo, Monsù Desiderio, BlakeVictor Hugo, Max Klinger u.a.  hinzugezogen. Auch nach Bretons Tod gab es weiter die phantastisch-surrealistische Kunstrichtung und es gibt sie auch heute noch. Prof. Wieland Schmied hat das 1974 in seinem grandiosen Buch „200 Jahre Phantastische Kunst“ beschrieben,  d.h. vor fast 50 Jahren und seitdem gab es keine kunstwissenschaftliche Aufarbeitung dieser Kunstrichtung mehr. Dank Prof. Habarta gibt es immerhin seit 2010 ein „Lexikon der phantastischen Künstler“ und seit 2017 ein „Lexikon der phantastischen Künstlerinnen“.  Wenn die Ausstellungsmacher heute eine Ausstellung mit konstruktivistischen – Farbfeld- Bildern und ähnlichem zeigen, dann wird auch nicht von einer abgeschlossenen Periode gesprochen, denn dann haben sie die zahlreichen Epigonen  von Mondrian bis Albers, Malewitsch bis Ad Reinhardt, Barnett Newman  bis Marc Rothko dabei, wobei ich immer wieder die Frage aufwerfe, ob das nicht Produkte wie von einem Grundlagenforschungsinstituts sind, die sich auf den Kunstmarkt verirrt haben, wo inzwischen ja ALLES als Kunst verkauft wird.

F: Wie reagierte damals  die „offizielle“ Kunstszene darauf!

C: Die waren darüber ganz entsetzt, weil das nicht ihrer Philosophie von einer permanenten Avantgarde – Kunst entsprach. Als dann 1971 die Dali-Ausstellung in Baden-Baden begeisterte Besuchermassen anzog, was selbst die Ausrichter der Documenta erschreckte, gab  es im Fernsehen eine hysterische Diskussion, bei der Kunsthistoriker Dali als reaktionären Künstler mit einer Maltechnik aus dem 19. Jahrhundert hinzustellen versuchten. Sie waren der Meinung, dass das Publikum einfach auch auf diesem Zeitniveau stehen geblieben sei und die wahre Kunst in einer ganz anderen Richtung zu sehen sei. 1974 -1975 unternahm man dann  in Düsseldorf und Baden-Baden mit der Ausstellung „Surrealität – Bildrealität 1924 – 1974 “ den Versuch, das alles wieder im Sinne der Abstrakten-Lobby zu korrigieren – mit einem Manifest von A. Breton, wobei in der Ausstellung aber viele Künstler vertreten waren, die nie eine Verbindung zu dem klassischen Surrealismus hatten. Bei den klassischen Surrealisten, die in der Ausstellung gezeigt wurden, suchte man Bilder aus, die zum Informell tendierten, so dass diese Ausstellung streckenweise wie eine Ausstellung von  „Jackson Pollock,  seine Freunden und Epigonen“ aussah. Es war eine bewusste Manipulation! 

F: Gab es in Deutschland keine surrealistische Gruppe?

C: Es gab früh hervorragende deutsche Surrealisten, wie z.B.  Max Ernst, Hans Bellmer und Richard Oelze, die sich aber schon vor 1940 in Paris den Surrealisten anschlossen, und selbst Alfred Kubin und  Friedrich Schröder-Sonnenstern waren nach dem II. Weltkrieg in Paris schon  bei Ausstellungen beteiligt. Es gab Künstler, wie z.B. Edgar Ende und Franz Radziwill, die vor 1930 phantastische Bilder gemalt hatten und die als entartet galten und Ausstellungsverbot bekamen. Es gab in Deutschland leider niemanden, der sich um eine Gruppenbildung bemüht hätte, im Gegensatz zu anderen Ländern (Belgien, Dänemark, England, Schweden,USA, Kanada, Tschechoslowakei, Spanien, Mexiko), wo diese Gruppen auch eine Verbindung zu der in Paris hatten. Nach dem Krieg haben in Deutschland die verbotenen Phantasten und  eine ganze Reihe anderer Künstler wieder surrealistisch gemalt. Sie sind dann aber nach 1950 fast alle umgekippt und haben abstrakt gemalt. Heute ist bekannt, dass dies aus politischen Gründen geschah und dass der CIA dahinter steckte, der die abstrakte Kunst als Zeichen des freien Westens verdeckt in vielfältiger Weise unterstützte, was ausführlich in dem Buch „Wer die Zeche zahlt“ von  F.S. Saunders nachzulesen, oder in der Filmdokumentation „Benutzt und gesteuert – Künstler im Netz der CIA“ zu sehen ist. Prof. Mac Zimmermann initiierte dann 1973 eine Gruppenwanderausstellung „Mac Zimmermann – Freunde und Schüler“ (Bremen-Böttcherstrasse, Berlin) bei der ich beteiligt war und die ich auch in die Pfalzgalerie brachte.

F: Gab es in Deutschland keine große Ausstellung, die den deutschen Surrealismus aufarbeitete?

C: Es gab inzwischen große Ausstellungen über den spanischen Surrealismus (Kunsthalle Düsseldorf), den ägyptischen Surrealismus (Kunstsammlung NW, Düsseldorf), den lateinamerikanischen  Surrealismus (Museum Bochum) und den Schweizer Surrealismus (Kunsthaus Aarau + Lugano),  Surrealismus in den USA  (National Academy Museum New York), Surrealismus in Belgien ( Brüssel) , Surrealismus in Prag (Hack-Museum Ludwigshafen), mit opulenten Katalogen. 2021 war es das eher kleine Panorama-Museum in Bad Frankenhausen, das eine Ausstellung mit dem „Deutschem Surrealismus  –  von 1919 bis 1949“  zeigte, die für dieses Museum eine enorme Herausforderung war und  der Direktor auch Schwierigkeiten hatte, Kunstwerke aus großen Museen zu bekommen.  Das Panorama-Museum ist das einzige Museum in Deutschland, das nur Phantastische Kunst zeigt und dazu großartige Kataloge veröffentlicht.  Der Direktor, Herr Lindner, war auch bei der  Ausstellungen  „Der Faden der Ariadne“ im HERRENHOF- NW-Mußbach an. Eine richtig große Ausstellung mit Surrealismus in Deutschland  steht aber immer noch aus! 

F: Gibt es einen Unterschied zwischen Surrealismus und Phantastischer Kunst?

C: Heutzutage werden die Begriffe vermischt, und um den Begriff „Phantastische Kunst“ zu definieren, brauchte Prof. Wieland Schmied 10 Seiten. Kunsthistorisch gesehen versteht man unter Surrealismus die Zeit von 1924 bis zum Tod von André Breton im Jahr 1966. Zuerst waren die Surrealisten eine Literatengruppe, der dann auch bildende Künstler angehörten.  Als Breton dann 1929  das zweite  Manifest verfasste, schloss er die Bildende Kunst mit ein. Man kann wohl sagen, dass der Surrealismus vor allem durch diese bildenden Künstler international bekannt geworden ist, denn wer hat schon die Manifeste und Texte der Surrealisten gelesen? So überaus problematisch Breton war, auf eine ganze Reihe von Künstler wirkte er wie ein Magnet. Da er jedem Künstler mit großem Interesse begegnete, eine suggestive autoritäre Aura ausgestrahlt haben soll und ganz exquisite Texte zu deren Bilder verfasste, war das wie ein Ritterschlag, durch den man sich in einem ausgewählten Kreis aufgenommen fühlen konnte. Dabei sahen sich die Surrealisten eher als eine politisch motivierte Gruppe, die Menschen aus den Fesseln der Gesellschaft, der Religion und allen weiteren Zwängen befreien wollte. Auch waren sie Revolutionäre, die provozierten, polemisierten und randalierten. Bei den Treffen der Gruppe, die in Cafés stattfanden, die über die Jahre wechselten, analysierten sie die politische Situation und ihr Unterbewußtsein nach Sigmund Freud oder erfanden spezifische Tischspiele mit überraschenden Ergebnissen. Dabei spielten die Künstler unterschiedliche Rollen, d.h. einige waren oft, manche weniger und andere überhaupt nicht bei den Treffen anwesend. Es gab zwei künstlerische Tendenzen: Den veristischen und den informellen Surrealismus und es wurde erwartet, dass sich die Künstler bei den Ausstellungen engagierten. Während de Chirico zu den Künstlern der ersten Stunde gehörte, folgte Max Ernst an zweiter Stelle. S. Dali schloss sich erst 1929 der Gruppe an, während Paul Delvaux, der in Belgien lebte, 1938 an Ausstellungen teilnahm, aber nie bei einem Treffen der Surrealisten in Paris anwesend war. Der surrealistische Künstlerkreis war ambivalent und von Breton dominiert, was immer wieder zu Austritten und spektakulären Ausschlüssen führte, und wenn es die Situation erforderte, schreckten sie auch nicht vor einer Saalschlacht zurück. Es ist schwierig, alles in wenigen Wort zu erklären, da sich die Positionen der Surrealisten auch immer wieder veränderten. Man ging aber von der Vorstellung aus, dass surrealistische Bilder eine Erschütterung beim  Betrachters auslösen sollten, u.a. gegen eine satte, alles beherrschende Bourgeoisie. Phantastische Bilder hingegen heben sich von der Realität ab und ihr unerklärliches Geheimnis soll den Betrachter zu eigenen Gedanken darüber stimulieren. Visionäre Bilder kommen aus dem Unterbewußtsein des Künstlers und erscheinen unkontrolliert vor seinem inneren Auge und werden vom Künstler so wie sie sind gemalt. Die Grenzen zwischen diesen Bereichen sind fließend. Ernst Fuchs mit seinen religiösen Visionen, Rudolf Hausner mit seinem „ICH – in der Welt“, Wolfgang Hutter mit seinen dekorativen, farbintensiven, künstlichen Tagträumen,  Arik Brauer mit seinen gemalten Geschichten, hätte A. Breton strikt abgelehnt und nicht zum Surrealismus gezählt, d.h. aber auch, dass die Wiener Phantasten eine ganz andere Position im Bereich der Phantastischen Kunst  einnehmen. Ich habe kürzlich einen Artikel „Protest gegen den Minimalismus“ von der surrealistischen Schriftstellerin Ginka Steinwachs gelesen. Wir kennen den Spruch in der Kunst: „Weniger ist mehr!“ und dass man Formen auf den wesentlichen Kern reduzieren soll. Dem stellt G. Steinwachs den Maximalismus entgegen und ein „Bombastisches Manifest“, das für einen „barocken Überschwang“ plädiert, was mich auch an die Phantastische Kunst erinnert hat, die nicht gestutzt werden will, sondern deren „Blüten“ hemmungslos treiben und wuchern, und bei der etwas ausgemalt und nicht reduziert wird.

F: Ihr hattet 1994  in Rolandseck das ZENTRUM DER PHANTASTISCHEN KÜNSTE gegründet.

C: Das war ein ganz wichtige Sache für die Phantastische Kunst, zumal es das erste Mal war, dass sich über 50 internationale Künstler, Schriftsteller,  Galeristen, Journalisten und Politiker in Deutschland trafen und dort das ZENTRUM DER PHANTASTISCHEN KÜNSTE e.V. gründeten und dort auch internationale Ausstellungen veranstalteten. Es hatte vorher immer wieder kleinere Phantastengruppen gegeben, die alle in der Regel Erfolg mit ihren Ausstellungen hatten, wie zum Beispiel auch die „Pfälzer Phantasten“ oder „Mac Zimmermann Freunde und Schüler“,  aber es gab kaum überregionale Verbindungen. Es waren in der Regel immer geschlossene Gruppen, wie auch die NEUEN MEISTER, LIBELLULE oder DALIS ERBEN, die eine spezifische Konzeption haben oder hatten. Durch das ZENTRUM DER PHANTASTISCHEN KÜNSTE, aus dem später „LABYRINTHE – Gesellschaft für phantastische und visionäre Gründe e.V.“  hervorging, wurde der Versuch unternommen,  die Phantastische Kunst auf eine breitere Basis bei Ausstellungen zu stellen und zwischen den Phantasten ein kommunikatives Netzwerk zu errichten, wobei das Internet sehr hilfreich war.

 F: Wie wird das bei LABYRINTHE geregelt? 

C: Die Idee war, dass wir umfangreiche, internationale  Ausstellungen dort veranstalten, wo uns dies angeboten wird. Das war nach Rolandseck 1994 in Venedig die Ausstellung „La Pittura e la Scultura Fantastica e Visionnaria“, 2002 in der Manège Royal in Saint Germain-en-Laye, 2005 in Berlin „Fantastische Welten – 250 Jahre Fantastische Kunst“, Zitadelle Spandau, mehrmals im Schloß Honhardt (Landkreis Schwäbisch Hall),  2009 in der Galerie im Kurhaus Garmisch, im Barockschloss Riegersburg in Niederösterreich, Eggenfelden Schloßökonomie Gern  und im Kulturzentrum HERRENHOF Neustadt-Mußbach, wo ich 1998 die Ausstellung „Der Faden der Ariadne“ organisierte und ab 2007  die „art-imaginär“,  eine internationale Biennale, eingerichtet habe. Dabei ließ ich mich von der Konzeption der Ausstellung von LABYRINTHE in Baden-Baden leiten, und  für den HERRENHOF und die Pfalz  waren diese Ausstellungen schon sensationell. Ganz besonders war die Ausstellung „Der Faden der Ariadne“, die ich in Zusammenarbeit mit dem SWR  organisierte, mit über 350 Kunstwerken in drei Häusern, einem grandiosen Beiprogramm und 4 Stunden „Phantastische Nacht“ im Fernsehen. Ich habe dort Museumsdirektoren getroffen, denen bei den Besuchermassen fast die Augen herausgefallen sind!

F: Wird bei der „art-imaginär“  eine geschlossene Gruppe gezeigt?

C: Bei diesen Ausstellungen werden die Künstler immer in einer anderen Konstellation eingeladen, wobei ich auch Klassiker und verstorbene Künstler der Phantastischen Kunst zeige, wie zum Beispiel G. Piranesi, Edgar Ende, Joe Hackbart, Karl Kunz, Fabius von Gugel, u.a.  Im Rahmen dieser Ausstellung gibt es stets auch Sonderausstellungen. Das sind immer sehr aufwendige Veranstaltungen, denn ich zeige dabei das ganze Spektrum der Phantastischen Kunst von expressiv bis zu fotorealistisch gemalten Bildern. In dieser Konzeption stelle ich mir auch ein Museum der Phantastischen Kunst vor, das noch zu realisieren ist.  Es ist wirklich verwunderlich, dass es bisher noch keines gibt, da man doch sieht, welch großes Interesse beim Publikum an dieser Kunstrichtung besteht.

F: Wie sieht es mit einem Museum für die Phantastische Kunst aus?

C: Ich habe dafür schon Pläne und ein Modell gemacht, einen Architekten hinzugezogen und sogar einen Bauplatz angeboten bekommen. Auch habe ich mit den verschiedensten Leuten darüber gesprochen, doch leider hat sich bisher noch nichts Konkretes ergeben. Das Museum soll schon von außen so phantastisch gestaltet sein, dass es auch zu einer Touristenattraktion wird und viele Besucher anlockt.  Wie ich bereits erwähnte, hat das Panorama-Museum in Bad Frankenhausen einen Schwerpunkt mit Phantastischer Kunst und in Wien gab es das PhantastenMuseum im Palais Palffy bei dem sich Prof. Habarta sehr engagierte, das aber leider wegen fehlender finanzieller Unterstützung und zu hoher Miete wieder geschlossen werden musste . Mit besonderem Interesse sah ich mir 2019 das Naia-Museum in der Bretagne-Morbihan an, ein Privatmuseum von Patrice Humbert, das in vier Räumen des Toranbaus eines Schlosses untergebracht ist und in dem jedes Jahr eine neue Ausstellung stattfindet, mit Werken von bis zu 70 Künstlern. Die gezeigten Arbeiten haben zum großen Teil  die Tendenz zum Fantasy-Bereich, was die Bretagne mit Ihren Feen, Gnomen und Zauberer passt. Ich war von vielen ausgestellten Kunstwerken begeistert, obwohl dieser Bereich nicht zu meinem künstlerischen Blickfeld gehört. Ich kann jedem empfehlen, das Naia-Museum zu besuchen.

F: Wie siehst du die aktuelle Phantastenszene ?

C: Durch das Internet bekommt man einen großen Überblick über diese Szene und über das Internet gibt es auch die Möglichkeit, dass sich Phantasten für eine Ausstellung oder eine Wanderausstellung  zusammenschließen, wobei die Künstlerauswahl manchmal glücklich und manchmal weniger glücklich ausfällt. Es gibt ganz hervorragende Phantasten, die grandiose Bilder malen. Doch wenn ich manche Gruppenausstellung von zeitgenössischen Phantasten sehe, muss ich ganz offen sagen, dass man nicht jeden Künstler ausstellen muss, der irgendwelche verklärte Märchenbilder malt oder einen  vordergründigen Symbolismus auf seine Bilder fantasiert. Michel Random, der 1976  den Film L’art visionnaire und zwei hervorragende Bildbände unter dem gleichen Titel veröffentlicht hat, schreibt hierzu kritisch, dass es inzwischen eine internationale Bewegung von Künstler gebe, die sich  „Visionäre“ nennen, aber deren Werke oft mittelmäßig oder kitschig seien. Bei der künstlerischen Auswahl zur „art-imaginär“ bin ich sehr tolerant, das heißt, es sind oft Künstler dabei, deren imaginäre Welt fern von meiner ist. Doch ich akzeptiere ihre Sichtweise, weil sie mir bei diesem Künstler glaubhaft erscheint und sie für das Publikum von Interesse sein könnte. Manche Künstler meinen, wenn sie  Bilder in einer technischen Perfektion malen, d.h. den Betrachter durch technische Meisterschaft zu  bestechen versuchen, würde das für die Qualität des phantastischen Bildes ausreichen. Als Gegenbeispiel möchte ich die Bilder von de Chirico aus der metaphysischen Periode anführen, die er ganz einfach „mit der schweren Hand“, wie Apollinaire  sagte, malte, und dabei zu grandiosen Bildvisionen kam, von denen viele Künstler bis hin zur „Neuen Sachlichkeit“ beeinflusst wurden.  Ich rechne z.B. auch Neo Rauch oder die Gruppe der italienischen Transavantguardia (= Enzo Cucchi, Mimmo Palatino, Sandro Chia, Carlo Maria Mariani) zum Bereich der phantastischen Kunst, obwohl sich diese wohl nicht dort eingeordnet sehen wollen und die als „Arte Cifra“ bezeichnet werden, weil das ein modernerer Trendbegriff ist.

F: Wie stehst du zu  Phantastengruppen, die eine bestimmte Konstellation haben? 

C: Es ist klar, dass kleinere Gruppen es leichter haben, Ausstellungsmöglichkeiten zu finden und auch die Organisation ist wesentlich einfacher.  Die NEUEN MEISTER bevorzugen eine präzise realistische Malerei des Phantastischen, LIBELLULE macht bei seinen Ausstellungen genaue Themen- und Formatvorgaben und bei DALIS ERBEN wurde alles einem Dalirium mit Themenvorgabe untergeordnet. Wir von LABYRINTHE wollten davon wegkommen, da durch solche Vorgaben viele Phantasten ausgeschlossen werden und wir es als Zumutung empfanden, Themen vorzugeben an Künstler, die sich aktuell  in einem ganz anderen Arbeitsprozess befinden. Wir beschlossen deshalb in Rolandseck, in Zukunft große internationale Ausstellungen zu veranstalten, damit die Phantastische Kunst, im übertragenen Sinne nicht nur eine Sache für „die Kammermusik, sondern auch für das große Orchester“  wird, und wir wollten zeigen, dass es diese Kunstrichtung weltweit gibt. Ein internationales Komitee in Venedig kam auf weltweit 2700 phantastische Künstler. Bei unserem ehren-amtlichen Engagement  erhielten wir von vielen Seiten Hilfe, wollen aber auch nicht verschweigen, dass diese periodisch in der Hinsicht erschwert wurde, als z.B. der inzwischen verstorbene Dali-Fanatiker Roger Erasmy, der von uns 1998 zu einem Dali-Vortrag eingeladen worden war, die Gruppe DALIS  ERBEN gründete, so als wäre Dali der Ursprung der Phantastischen Kunst. Arturo Schwarz schreibt, dass Dali sicher der bekannteste Künstler der Surrealisten ist, aber “ in Wirklichkeit nicht mehr als eine ephemäre Randerscheinung dieser Bewegung“ gewesen ist.  Bei DALIS ERBEN  wurden nicht nur die besprochenen Abmachungen in Rolandseck ignoriert, sondern die Gruppe trat auch noch wie ein Konkurrenzunternehmen von LABYRINTHE auf. Das Verhalten der beteiligten Künstler war schon enttäuschend, da sie unsere Kritik ignorierten. Es machte deutlich, dass es sehr wichtig ist, dass die Phantastische Kunst einen gewissen seriösen Qualitätsrahmen hat, und dass sie nicht in einen unkritischen Bereich absackt, nur weil es Künstler gibt, denen  es völlig egal ist, unter welch einer „Fahne“ und Dali-Narretei  sie ausstellen. 

F: Wie sieht es mit der „art-imaginär“ im Kulturzentrum HERRENHOF Neustadt-Mußbach aus?

C: Nachdem Gustav Adolf Bähr, der spiritus rector des HERRENHOF-Neustadt-Mußbach, im April 2020 leider verstarb, wurde von dem neuen 2. Vorsitzenden und von Personen des Ausstellungsteams  die Ausstellung „NEUE MEISTER“ ohne Absprache mit mir in die Wege geleitet, obwohl bekannt war, dass mir diese Aufgabe, die Phantastische Kunst betreffend, von HERRENHOF übertragen worden war, und ich seit fast 20 Jahren die „art-imaginär“ mit großer Akribie  organisierte, die zu den erfolgreichsten Ausstellungen des HERRENHOF gehört. Man kann schon sagen, dass es in Rheinland-Pfalz wohl keinen Kunstverein gibt, wo mit einem solch großen Aufwand  eine Ausstellungsbiennale veranstaltet wird, für deren Organisation ich meist über ein Jahr beschäftigt bin. Bei der „art-imaginär“  werden nur „Meister“ gezeigt und von den  sechs NEUEN MEISTER  wurden schon fünf bei uns gezeigt, manche davon mehrfach. Wegen der Corona-Pandemie hatte ich die für 2020 geplante „art-imaginär“ frühzeitig abgesagt, weil ich nicht meine kostbare Zeit in die monatelange Vorbereitung für eine Ausstellung investieren wollte, die dann wegen Corona nicht stattfinden kann. Der HERRENHOF-Vorstand ignorierte den Protest von LABYRINTHE und wir kündigten an, dass wir für die Organisation von weiteren Phantastenausstellungen nicht mehr zur Verfügung stehen würden. Wie ich vorausgesehen hatte, musste die Ausstellung der NEUEN MEISTER wegen Corona nach einer Woche wieder geschlossen werden.  Die Empörung über die Verursacher des Debakels war so groß, dass diese aus dem Verein austraten.

F: Wird die art-imaginär“ von dir fortgesetzt?

C: Nach diesem negativen Erlebnis wurde mein Engagement für den HERRENHOF  beträchtlich gedämpft und ich habe meine Aktivitäten auf  CULMANNS TRAUMGARTEN verlegt, der inzwischen Besucher aus der ganze Welt anzieht. Da man Corona immer noch nicht  in den Griff bekommen hat und man daher nicht weiß, wie das alles im kommenden Jahr und mit dem neuen HERRENHOF-Vorstand  weitergehen wird,  bin ich, was die „art-imaginär“ betrifft, vorerst im Ruhemodus.

Text und Abbildung: zur Verfügung gestellt von Otfried Culmann

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