Kunst und Kultur mit Benedetto Fellin

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Dialog in der Wüste, Benedetto FellinSchon seit geraumer Zeit stand Benedetto Fellin (A) ganz oben auf meiner Liste derjenigen Künstler, die ich unbedingt einmal im Atelier besuchen möchte.Sein Wiener Atelier, das eigentlich eine Atelierwohnung ist, strahlt eine Ruhe und Gemütlichkeit aus, in der man sich als Gast sofort wohlfühlt. Gemalt wird im „Wohnzimmer“, ein neues Bild im Anfangsstadium steht auf der Staffelei, im Hintergrund läuft afrikanische Musik. Statt beißendem Terpentin-Geruch liegt der Duft von Räucherstäbchen und Mittagessen in der Luft.

Industrieandacht„In der Ruhe liegt die Kraft“ besagt ein Sprichwort, und betrachtet man Benedettos Arbeiten, kann man dem nur zustimmen. Woher kommt diese ganz eigene Ausstrahlung die seinen Bildern innewohnt und die für mich schwer zu beschreiben ist? Einerseits diese unglaubliche Stille, die Zeit unwichtig erscheinen lässt. Wie eine Zeitlupenaufnahme „entschleunigt“ sie alles und lässt so ein wenig von der Langsamkeit erahnen, in der die zum Teil riesigen Bilder in monatelanger Detailarbeit entstehen. Und auf der anderen Seite geballte Energie, die genauso klar auf den Betrachter einströmt wie die eindringlichen und leuchtenden Farben. Mich erinnern diese beiden Eindrücke an die Erfahrung einer guten Meditation und dieser Vergleich passt auch ganz gut zu Benedettos Bildern: Technisch perfekte Ausführung verschmilzt mit tiefem geistigen Gehalt zu einer Einheit.

Begegnung-am-KarakorumReligionen und Kulturen spielen in seinen Darstellungen eine große Rolle. Der Künstler verarbeitet wiederholt seine Eindrücke von zahlreichen längeren Aufenthalten in asiatischen, afrikanischen und mittelamerikanischen Kulturkreisen. Am deutlichsten erkennbar ist dies in den Landschaften. Die Erkenntnisse aus der Beschäftigung mit dem Gedankengut verschiedener Religionen verbindet er mit seiner Wahrnehmung der Welt, in der wir leben, zu phantastischen Bildern in seinem unverkennbaren Stil. Vor allem dem Buddhismus fühlt er sich sehr verbunden, die Aufhebung von Ichbezogenheit und Grenzen sowie gegenseitige Toleranz sind die Herausforderungen, denen er sich nicht nur in seinen Bildern, sondern auch im Alltag stellt.
„Das Tibet-Thema beschäftigt mich bereits seit 1982”, erfahre ich während Benedetto aus seinem Leben erzählt. Auch, dass er immer Maler werden wollte wie sein Vater. Nicht verwunderlich also, dass er bereits mit 10 Jahren ein mehrere Meter langes Altarbild malte, mit 15 sein erstes Ölbild. Sein Meisterstudium bei Anton Lehmden wurde durch eine Phase der fast fanatischen Beschäftigung mit der indischen Philosophie unterbrochen, danach zog er sich als Eremit ins Waldviertel zurück.

FaltenlandschaftIn der Meisterklasse von Rudolf Hausner setzte er schließlich sein Studium fort, erste Verhüllungen entstehen. Eine Thematik, die sich wie ein roter Faden durch Benedettos Schaffen zieht. Seine Aussage „Ich interpretiere mein eigenes Werk sehr spärlich, ich finde es viel spannender zu hören, was andere Menschen dazu sagen. Dadurch lerne ich auch viel über mich selbst, über meinen Zustand während der Entstehung eines Bildes” kann ich gut nachvollziehen. Grund genug, mir meine eigenen Gedanken zum Verhüllungs-Thema zu machen, mit dessen jahrelanger Umsetzung Benedetto das Malen von Stoffen, Drapierungen und Faltenwürfen zur Meisterschaft gebracht hat. Strukturen, die beinahe dreidimensional wirken – feine Leinenstoffe, grobe Teppiche und seidengleiche Gewänder, so hyperrealistisch dargestellt, dass man sie am liebsten anfassen möchte. Sie wirken auf mich wie Geister, hüllenlose Gestalten, die erst durch die Stoffe sichtbar werden. Vielleicht symbolisieren diese „Geister“ jeweils eine bestimmte Aussage oder ein bestimmtes Gedankengut, … auf jeden Fall etwas, das man nicht ANgreifen, sondern nur BEgreifen kann. Die Frage ‚Was verbirgt sich unter diesen zahlreichen Lagen Stoff?‘ drängt sich unweigerlich auf und vielleicht ist gerade die Auseinandersetzung mit dieser Frage ein Tor, das einen tieferen Zugang  zu Benedettos Werk öffnet.
Benedetto und Verhüllte Muse im PhantastenmuseumDas Bild „Vehüllte Muse“, das nun im Phantastenmuseum Wien hängt, ist eines der ersten Bilder, in dem das Verhüllen zum Mittelpunkt wird. Im Katalog wird Benedetto, den die Faltendraperien in altmeisterlichen Gemälden schon als Kind faszinierten, zum Thema zitiert:„ Beeinflusst von den leuchtenden Farben der indischen Stoffbazare, die ich oftmals auf Studienreisen bewunderte, verbunden mit der etruskischen Vorstellung, dass die höchsten ihrer Götter verhüllt bleiben, entstand im Laufe von 30 Jahren eine Reihe von Faltenkompositionen. Im heutigen westlichen Kulturkreis, der sich mit dem Verhüllen von Frauen konfroniert sieht, wird dieses Thema vermehrt unter Künstlern aufgegriffen.”

Benedetto im AtelierWährend der bescheidene gebürtige Südtiroler in der Küche mit der Reissuppe beschäftigt ist (die übrigens köstlich geschmeckt hat!) betrachte ich zum wiederholten Mal das in Arbeit befindliche Bild auf der Staffelei. Die altmeisterliche Technik der Weißhöhung mit Lasuren kann man hier ganz deutlich in einem interessanten Stadium sehen. Auch, wie der Künstler schon in den ersten Farbschichten mit Strukturen arbeitet, gut zu erkennen zum Beispiel bei Stoffen und Felsen. Diese fein detaillierte und präzise Art der Malerei erfordert eine exakte Vorstellung vom fertigen Bild, mich interessiert daher, wie Benedetto zu einer Idee findet. „Die Idee entsteht ganz spontan durch einen Impuls. Manchmal entwickelt sich auch aus einem einzelnen Motiv ein Gesamtbild” erklärt er und vor mir taucht das Bild einer verhüllten Muse auf, die ihn küsst.

Schwebendes-TotenschädelstillebenBei „hauseigenem“ Spitzwegerich-Salbei-Tee plaudern wir viel über Künstler die er schätzt, wie zum Beispiel Fritz Aigner oder Michael Engelhardt. Und Benedetto zaubert einen Katalog nach dem anderen zur Veranschaulichung aus seinem umfangreichen Fundus hervor. Aber nicht nur sein kunstgeschichtliches Wissen ist faszinierend, sondern auch die Art und Weise, wie für ihn nach zwei Sekunden feststeht, ob ein Bild „gut“ oder „schlecht“ ist. Wobei er selbst einräumt, dass seine Ansprüche extrem hoch sind. Mehrmals versuche ich, ihm seine Kriterien für eine Bewertung zu entlocken, aber Benedetto meint dazu: „Das kann ich nicht beschreiben, das sehe ich einfach. Es ist die Mischung aus Technik und Aussage, die ein Bild zu einem guten Bild macht”. Und mit einem Grinsen fügt er hinzu: „Und jahrelange Erfahrung”. Wohl jeder der Benedetto einmal über ein Bild sprechen gehört hat wird verstehen, dass ich ihm dies aufs Wort glaube und mich damit als Erklärung zufrieden gebe.

Viel länger als geplant habe ich Benedettos Zeit beansprucht. Ich verabschiede mich von dem sympathischen Künstler, der mir geduldig interessante Einblicke in sein Leben und seine Arbeit gewährt hat. Und ich weiß es zu schätzen, dass er mir so ganz nebenbei selbstlos einige Stunden wertvollen Unterricht in Kunst, Kultur, Philosophie und gegen Ende sogar noch ein bisschen Coaching spendiert hat.

Aus Platzgründen kann hier nur eine kleine Auswahl an Bildern präsentiert werden, bitte besuchen Sie die Webseite des Künstlers, www.fellin.at!

Fotos: Benedetto Fellin, Leo Plaw, Sigrid Nepelius

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