Michael Triegel und die Rückkehr der Renaissance

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Bekannt geworden ist der Leipziger Maler, Zeichner und Grafiker Michael Triegel einem größeren Kreis spätestens durch sein Porträt des Papstes Benedikt XVI. 2010. Wer ihn jedoch darauf reduziert, wird dem umfangreichen und vielseitigen Oevre des heute 50-Jährigen nicht gerecht. Man findet klassisch- mythologisches Personal wie Leda, Orpheus,und Prometheus, den christlichen Bilderkreis mit Auferstehung, Pieta und Verkündung an Maria, Landschaften, Porträts, Stillleben usw. in einer hervorragenden, bis zum Trompe-l’oeil-Effekt ausgebildeten, an den Alten Meistern geschulten Präzisionsmalerei. Benedikt soll ihn bei der bisher einzigen persönlichen Begegnung mit „Da ist ja mein Rafael!“ begrüsst haben. Triegel selbst schildert dies persönlich bewegt und fast schamhaft bescheiden. Aber so absurd ist diese sicherlich freundlich wertschätzend gemeinte Äußerung gar nicht, verweist sie doch, denkt man über das einzelne Malergenie hinaus, an dessen Zeit. Und mit der Renaissance-Malerei, deren Handwerk, Ikonographie und thematischer Verbundenheit mit Christentum und einem auf den Humanismus der Antike sich gründenden Menschenbild hat Triegels Kunst eine Menge zu tun.

Einsames Abendmahl

Längst scheint der Maler eingeordnet in Kunstrichtung und Stil. Kunstwissenschaftler sprechen von „Ars sacra“, der Neuen Leipziger Schule, von seiner Orientierung an der italienischen Renaissance, am Manierismus. Aber was nützen dem unvoreingenommenen Betrachter diese Rubrizierungen, wenn er einem Jesus begegnet, der beim „Abendmahl“ (1994) als gesichtslose Gestalt völlig allein an der Tafel sitzt, in einer Szenerie, die an ein Bühnenbild erinnert? Möge sich jeder von Gott sein eigenes Bild machen? Gott hat kein individuelles Gesicht? Aber als Mensch gewordener Gottessohn hatte er doch eins!

Einem geübten Besucher der bekannten Galerien Alter Meister geben die Bilder Triegels oft etwas Vertrautes wi(e)der – und irritieren ihn zugleich.

Mythos, Religion und Archetypen

In „Der Bote“ (2008) verkündet nicht der Engel Gabriel der Jungfrau Maria, als verhüllte hölzerne Gliederpuppe nur an ihrem Gewand erkennbar, sondern ein durchaus attraktives – in der christ­lichen Ikonografie undenkbar – nacktes Mannsbild die zukünftige Mutterschaft eines mensch­gewordenen Gottes. Es ist unverkennbar der Götterbote Hermes aus der griechischen Mythologie. Und statt der Taube des Heiligen Geistes schwebt über Marias Haupt das angekündigte ungeborene göttliche Kind…

Diese Kombination zweier unterschiedlicher und sich doch nahestehender Welten, diese Triegelsche Symbiose von Mythologie und Religion macht die Bilder so rätselhaft und erfordert einige Mühe, das Bildhafte für sich zu erschließen. A prima vista wird den Betrachter nicht zum Erfolg führen. Wer die Anstrengung des Begriffs, den Prozess des Begreifens jedoch auf sich nimmt, dem stellt sich neben dem ästhetischem Genuss der gesuchte individuelle Erkenntnisgewinn ein.

Denn: Wie Triegel für sich selbst seine eigene Version von Mythen und Legenden entwickelt, kann dies auch der Rezipient tun – oder dem Maler einfach folgen. Wer umfasst so liebevoll die „Schlafende Ariadne“? Ist es noch Theseus, der ihr die große Liebe versprach, um an den Wollfaden zu kommen, der ihn wieder aus dem Labyrinth führen sollte, nachdem er den Minotauros tötete? Oder ist es bereits Dionysos, der Gott des Weines, der die von Theseus nach getaner Arbeit Verlassene auf Nexos ehelichte? Triegel selbst scheint dies gar nicht entscheiden zu wollen, legt er doch neben den beiden Schlafenden sowohl Trauben als auch den Faden ab. Der taucht als Schnur in verschiedenen Gemälden immer mal wieder auf. Als Gleichnis für die Verstrickung von Personen und Schicksalen? Nicht immer führt er den Betrachter aus dem Labyrinth der mythisch-antiken und frühchristlichen Symbole, die sich oft bereits aus unserem Alltagsbewusstsein verabschiedet haben, heraus, sondern vielmehr tiefer hinein. Wie auf einer endlosen Suche des Künstlers nach den Archetypen menschlichen Verhaltens.

Bildband als Interpretationshilfe

Hier hilft der kürzlich im Hirmer-Verlag erschienene Katalog“Michael Triegel: Discordia concors“ weiter, der die gleichnamigen Ausstellungen des Künstlers im Angermuseum Erfurt (18.11.18-17.02.19) und im Museum de Fundatie, Zwolle/Niederlande (25.05-08.09.19) begleitet. Die profunden Textbeiträge dringen in die Welt des Künstlers und seine Bildfindungen ein. Ein Interview gibt Einblick in die Seelenwelt Triegels vor und nach der gesellschaftlichen Wende in und nach der DDR. Damit gehört diese Publikation durchaus in die Themenwelt der Online-Datenbank des Projekts „Bildatlas: Kunst in der DDR“, geht aber von ihrem Gegenstand und zeitlich gesehen weit darüber hinaus.

Magischer Realismus?

Bildende Kunst soll ja auch immer bilden. Ob die der Gegenwart dieser gesellschaftlichen Funktion immer gerecht wird, sei dahingestellt. Aber wer mit diesem sich selbst motivierenden Anspruch an die Bilder Triegels herantritt, Wissenszuwachs zu erzielen, wird nicht enttäuscht werden. Das ergänzt sich dialektisch mit der Aussage, ja dem Geständnis Triegels, Malerei sei für ihn eine Form der Selbsterkenntnis, auf wunderbare Weise.

Seine Rückbesinnung auf die Renaissance und deren geistige Quellen ist in der gegenwärtigen Kunst offensichtlich selten anzutreffen, aber nicht die einzige. Die in Paris ansässige internationale Künstlertruppe „Libellule“ z.B., der die deutschen Maler Alexandra Müller-Jontschewa, Hans-Peter Müller, Siegfried Zademack und Reinhard Schmid angehören, arbeitet programmatisch an einer Renaissance contemporaine. Zumindest in diesem Sinne wird Michael Triegel auch eine geistige Nähe zum magischen bzw. fantastischen Realismus nicht abzusprechen sein.

Dr. Klaus Freyer, Gera

Michael Triegel: Discordia concors, Hrg. Karl Schwind, Hirmer-Verlag 2018, ISBN 978-3-7774-3219-9

Text: Dr. Klaus Freyer; Abbildung: © Hirmer-Verlag (Buchcover)

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