Rückkehr nach Chaumont

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Chaumont Galerie 2 004 - KopieChaumont im Nordosten Frankreichs, in der Region Champagne-Ardenne gelegen, ist für das Künstlerpaar Alexandra Müller-Jontschewa und Hans-Peter Müller kein unbekanntes Pflaster. Seit mehreren Jahren zeigt hier die internationale Künstlergruppe Libellule ihre thematischen Kollektionen – mit beachtlichem Erfolg über die Region hinaus strahlend. Jetzt kehrt das Künstlerpaar mit einer großen Personalausstellung in die geschichtsträchtige Gegend zurück. Nicht weit von hier, in der Kathedrale von Reims, wurde Chlodwig der I. mit seiner Taufe der erste christliche König Frankreichs. Eine historische Begebenheit so richtig nach dem Geschmack von Hans-Peter Müller, der einige Bilder seines Magdalena-Zyklus mitgebracht hat. Dessen Hauptwerk „Mariage Madeleine“ (Die Hochzeit der Maria Magdalena) folgt vorchristlichen Legenden über die Entstehung des fränkischen Königsgeschlechts der Merowinger, das sich auch aus einer Verbindung zwischen Maria und Jesus herleitet. Gottes Sohn als teilweise versteinertes Mischwesen wird an diesem Ausstellungsort sicher kontroverse Interpretationen hervorrufen.

Die „Chapelle des Jésuites“ von Chaumont ist ein typischen Gebäude in der Jesuiten-Architektur aus dem 17. Jahrhundert. Jetzt hängen dort bis Mitte November über 40 Gemälde des Malerpaares, darunter Tafelbilder und großformatige Triptycha. Sie zeigen einen wohldurchdachten Querschnitt ihrer Arbeiten, die nach der Jahrtausendwende entstanden sind. Nur „Mont Salvage“ von Alexandra Müller-Jontschewa datiert aus dem Jahre 1989. Der aufmerksame Betrachter findet hier bei einer Gestalt der griechischen Mythologie das, was andere noch suchen: den Heiligen Gral. Dem Menschenbild der Künstlerin kommt der Betrachter am besten über ihr Marionettensujet auf die Spur. Dies verwendet die Malerin sowohl bei der ihr eigenen künstlerischen Porträtfassung historischer Persönlichkeiten und mythischer Figuren als auch bei erfundenem Personal. Mittelalterliche Marionetten bevölkern so manches Bild, agieren in oft absurden Situationen, kämpfen mit den Tücken fragiler technischer Konstrukte und legen dabei durchaus menschliche Schwächen und Ohnmacht an den Tag. Ihre Fäden zeichnen die Verstrickungen menschlicher Schicksale nach.

Erstmalig in der Öffentlichkeit gezeigt: Müller-Jontschewas Fassung des „Urteil des Paris“mit symbolischer Deutungskraft. Allein die Hauptfiguren des aus der folgenschweren Entscheidung sich entwickelnden Trojanischen Krieges, Paris selbst und Helena als Ebenbild Aphrodites, sind Marionetten. Alexandra schildert den Moment, als Paris auf spitzbübischen Rat von Hermes die drei Göttinnen Hera, Athene und Aphrodite sich nackt präsentieren lässt. Die Franzosen quittieren es mit wissendem Lächeln. Wann sieht man in einer Jesuitenkapelle schon mal hüllenlose Gottheiten und noch dazu heidnische?

Biblische Geschichten und Gestalten aus einer anderen Perspektive als das derzeitige Christentum zeigt Hans-Peter Müller auf den in neuester Zeit entstandenen Triptycha und orientiert sich dabei vorwiegend an vergessenen gnostischen Quellen. Beim Gang durch die mythischen und auch mystischen Welten der Müllers beobachtet man den Brudermord Kains an Abel, trifft auf eine bestechliche Justitia, erlebt die Verehrung Apolls und sieht die Himmelfahrt Jesu mit neuen Augen. Und vielleicht wird in Chaumont auch die versteckte Hommage an Caravaggio entdeckt. Hans-Peter Müller gab dem Porträt Goliaths im „Geheimnis der Levitation“ seine eigenen Gesichtszüge, wie einst der italienische Renaissance-Maler in „David mit dem Haupte Goliaths“.

Ausstellungsdauer: 15. September bis 24. November 2013, Chapelle des Jésuites

Text und Fotos: © Dr. Klaus Freyer

 

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