Trierenberg Art – Augenlust

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© Wolfgang HarmsDer Kunstbegriff ist weit und letztlich nicht final definierbar. Handwerkliches Können allein freilich macht noch keinen Künstler, sondern zeichnet einen profunden Handwerker aus. Wenn jemand einen Ball so zu malen imstande ist, dass er rund erscheint und andere darin auch einen Ball erkennen können, dann ist dies auch noch keine künstlerisch intellektuelle Leistung, selbst wenn der Ball exakt und perfekt wiedergegeben ist. Das ist lediglich Beherrschung der Materie. Etwas, das man, ein wenig Talent vorausgesetzt, durchaus erlernen kann.

Die Kunst beginnt im Bereich der gegenständlichen Abbildung erst dann, wenn die Botschaft eines Werkes über das bloße Abbilden hinaus reicht. René Magritte hat es erkannt, als er unter sein berühmtes Bild einer Pfeife den Satz: „Dies ist keine Pfeife“ schrieb. Die Erkenntnis, dass es sich beim Bild einer Pfeife um keine Pfeife handelt, ist bahnbrechend. Diese Erkenntnis hat auf die im 20. Jahrhundert intensiv geführte Diskussion, inwieweit Kunst von Können komme, massiv Einfluss genommen.

Augenlust, das neue Projekt von TRIERENBERG ART, nähert sich dieser umstrittenen Thematik, inwieweit Kunst nun von Können komme, mit einer opulenten Werkschau von drei herausragenden Exponenten, die man dem Bereich des Phantastischen Realismus zuordnen könnte: Jo Niklaus. Hans Niklaus. Wolfgang Harms.

JO NIKLAUS

Das Werk von Albrecht Dürer und anderer Meister seiner Epoche hat Jo Niklaus stark geprägt. Über das haargenaue Kopieren von Originalen in deutschen Museen kam die Künstlerin zur Entwicklung eines eigenständigen Malstils, der sich der Exaktheit einer scheinbaren Realität bedient, um Botschaften weit jenseits des real Existierenden zu vermitteln. Dank der meisterhaften Beherrschung der Maltechnik ist Jo Niklaus imstande, unsere Netzhaut auf das Glatteis der Augentäuschung zu entführen. Das Genre des Tromp-l’oeil ist ihre Welt, Jo Niklaus gelingt es mit traumwandlerischer Sicherheit, die Sinne der Betrachter zu verwirren und Wahrheit mit Schein zu vermengen. Doch nicht eine Machtdemonstration, was ein Pinsel in einer geschulten Hand vermag, ist das Anliegen der Künstlerin: das scheinbar Reale ist für sie das missing link in jene Welt, die sich uns sonst nur in den REM-Phasen der Träume schemenhaft auftut.

HANS NIKLAUS

Am 1. Mai 2013 ist Hans Niklaus, der Ehegatte von Jo Niklaus verstorben. Nur 8 Tage davor wurde noch gemeinsam jene Werkauswahl getroffen, die nun zu sehen ist. Hans Niklaus war eine Koryphäe, in seiner Malerei ebenso wie seiner zweiten Lebensleidenschaft: der Conchyologie, der Wissenschaft von den Schalen tragenden Weichtieren. Beides, die Passion für die Kunst und jene für die Schnecken und Muscheln, hat er in seinem Werk eng miteinander verknüpft.

Als genauem Beobachter seiner Umwelt war es ihm ein Anliegen, Dinge zwar möglichst exakt darzustellen, jedoch zugleich diese Dinge in einem oft gänzlich anderem Konnex zu zeigen. Dadurch entstanden Beziehungen, Handlungen, Geschichten und Allegorien. Stilistisch dem Phantastischen zuordenbar, gelang es Hans Niklaus, ein in sich geschlossenes System originärer Kunstäußerung zu etablieren. Unverwechselbar, einzigartig. Nichts passiert darin zufällig, auch wenn so manche Windung des Pinsels sogar dem Künstler selbst unergründlich war. Sein Werk spricht nun für ihn, mal Klartext, mal in rätselhaften Zusammenhängen, die Geist und Emotion vom Betrachter gleichermaßen einfordern.

WOLFGANG HARMS

Wolfgang Harms ist ein Malerfürst, doch ohne die diesem Etikett oftmals anhaftenden Allüren. Harms ist einer, dessen Kunst sich von der Pike auf entwickelte. Eine Lehre als Maler und Anstreicher steht nur selten im Lebenslauf eines Kunstmalers, viel häufiger der Besuch der Akademie. Wolfgang Harms hat beides absolviert, was man an manchen völlig einzigartigen, so noch nie gesehenen Farbstylings in seinen opulenten Gemälden ebenso bemerkt, wie an der gekonnten Pinselführung und einem subtilen Verständnis für Raumgestaltung. Die Malerei von Harms scheint um 500 Jahre verspätet bei uns angekommen zu sein. Obwohl am Puls der Zeit tätig, ausgestattet mit einem feinen Gespür für die menschliche Gefühlswelt, tritt uns hier ein Renaissancegeist entgegen. Harms beherrscht sein Metier, er malt unglaublich facettenreiche Bilder, die den Betrachter auch noch nach Jahren neue Details oder bislang Unbemerktes offenbaren. Blütenbläser und Mondvogel, originäre Lieblingsfiguren des Künstlers, tauchen immer wieder auf und schaffen ein wenig Orientierung und Ordnung in seinen traumhaften Welten, die er wie aus verlorenen, fernen Zeiten ins 21. Jahrhundert importiert. Harms hat als freischaffender Surrealist einen eigenständigen Weg gefunden, der ihn mit den handwerklich Besten seiner Zunft aus allen Epochen auf eine Stufe stellt.

Text: © Trierenberg Art, Foto: © Wolfgang Harms

Ausstellungsdauer: 9. Juni bis Ende August 2013

Ein Gedanke zu „Trierenberg Art – Augenlust

  • 04.06.2013 um 10:43
    Permalink

    Kunst kommt nicht nur vom Können. Sie wird dadurch nur unterstützt und hilft dem Künstler seine „Sprache“ zu kontrollieren und dem Betrachter sein Verständnis zu erleichtern. Wie schon anfänglich in dem Artikel erwähnt, reicht die Perfektion nicht aus!! Dennoch Hut ab vor diesem Können, ohne Frage. Erst die geistige Komponente und somit die Eigenständigkeit mit der geistigen Reife verleiht der Kunst ihren wahren Zauber. Der andere Extrem sind hoch spirituelle Bilder die jedoch durch mangelnde professionelle Wahl der Mittel und oft mittelmässige Umsetzung ihre Botschaft gefangen halten. Bravo an alle die diese Quintessenz erkannt haben.

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